Traum und Analyse: Ein Haus mit 2 Teppichen

Der Traum:
Ich ging mit meiner Kusine durch ein sehr großes Haus. Ich dachte, es war ihr Haus. Wir gingen von einem Raum in den anderen. Es gab viele Treppen und Ebenen. Auffallend war, dass die Räume fast leer waren und nichts behagliches hatten. Eher wirkten sie edel, aber kalt.

 Dann kamen wir in einen Raum in dem ein großer grüner Teppich lag, und wenig später in einen, in dem ein roter Teppich lag. Wir gingen weiter und als wir auf die Terrasse kamen, waren dort viele Menschen, Bekannte von mir und Verwandte. Ich entfernte mich von ihnen und ging auf die andere Seite des Hauses.

 Ein großer schöner Spiegel lehnte an der Hauswand. Ich wollte mir ein schönes Oberteil anziehen, das mir meine Kusine gegeben hatte. Es bestand aus einem dünnen Stoff und war hübsch. Als ich mich im Spiegel sah, sah ich, dass meine Brust nicht richtig bedeckt war in meiner jetzigen Kleidung. Es war mir ein wenig unangenehm, aber ich wunderte mich auch, dass niemand komisch darauf reagiert hatte. Dann wollte ich das schöne Oberteil anziehen, aber es war zu kurz und zu eng und zu steif und ich war froh, als ich es wieder ausgezogen hatte. Dann wachte ich auf.

 
 
Hinweis zum Verständnis: [Hinweis ausblenden]
Träume zu analysieren ist einfach, doch es braucht dazu einiges an Hintergrundwissen. Dieses Wissen hier zu vermitteln würde den Rahmen der Webpräsenz sprengen, (und natürlich möchte ich auch, dass Sie mein Buch lesen ;-) Als "Laie" wird Ihnen in der Analyse wahrscheinlich einiges fremd und unverständlich vorkommen, im Buch jedoch sind alle Zusammenhänge ausführlich und wissenschaftlich fundiert erklärt. Leser des Buches werden die hier verwendete Terminologie und die Herleitungen ohne Weiteres verstehen - und Traumanalysen selbst durchführen können.

 Buch Vorderseite

320 Seiten
37 Abbildungen
ISBN 978-3-943468-02-1
12.80 € [D]   13.25 € [A]

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Die Traumtafel: [Traumtafel einblenden]

Die Analyse:
 
 
Für alle Träume gilt: [ausblenden]
Alles, was im Traum gezeigt wird, sind Persönlichkeitsanteile des Träumers. Solche sind zum Beispiel: Gewissensinhalte, Erfahrungen, seelische Fähigkeiten, Strategien, Schutzmechanismen, Kräfte und Ressourcen, Bedürfnisse, Ängste ... Alle Inhalte also, die zusammen den "seelischen Apparat" des Träumers gestalten.

  Da wir in Bildern träumen, muss die Traumpsyche auch solch "gegenstandslose Elemente" als Bild darstellen. Dazu verwendet sie Symbole. Objekte, Tätigkeiten (z.B. fliegen, fallen ...), Eigenschaften (z.B. rot, warm ...) aber auch Menschen und eine Vielzahl anderer Elemente. Die Kunst ist nun, die Bedeutung dieser Symbole zu bestimmen.

  Die Bedeutungen der Symbole wurden durch die Erlebnisse der gesamten Menscheit in der kollektiven Psyche verankert. Sie können deshalb bewiesen werden, sind allgemeingültig und hängen nicht von der Person des Träumers (und des Traumdeuters) ab.

  Behalten Sie bitte im Hinterkopf während Sie die folgende Analyse lesen: Alle Inhalte sind Persönlichkeitsanteile des Träumers!
 
 

Seelisch befinden wir uns immer in dem Konflikt zwischen "dem was wir wollen" und "dem was wir müssen."
  Wir wollen weil wir einen Körper, Gefühle und Bedürfnisse haben. Weil wir aus der Natur hervorgegangen sind, und unser genetischer Bauplan eben eine bestimmte Natürlichkeit verlangt. (Damit Körper und Seele am Leben bleiben.)
  Wir müssen weil die Leistungsgesellschaft Anforderungen an uns stellt, und die Rahmenbedingungen für unsere Lebensplanung vor gibt. Zudem müssen wir unserem Gewissen gerecht werden, weil es uns mit einem "schlechten Gewissen" bestrafen kann, wenn wir uns nicht an die Gesellschaftsregeln halten.

  Das Spannungsfeld zwischen den beiden Polen "wollen" und "müssen" bestimmt unser Fühlen, Denken und Handeln. Verständlich, dass es auch das Hauptthema in den meisten Träumen ist. Diese zeigen dann den aktuellen seelischen Standpunkt, sowie das Gerangel dieser beiden seelischen Bereiche. So auch bei diesem Traum hier:

  Das HausTraumdeutung Stichwort ist ein Standardsymbol für das eigene Ich, es zeigt das "seelische Gebäude" des Träumers. Schaut man sich die Eigenheiten des Hauses an, so kann man auf die aktuelle seelische Heimat des Träumers schliessen. Es gilt dabei die bewährte Symbolik aus dem kollektiven UnbewusstenTraumdeutung Stichwort. (Als Beispiel: Zeigt die Psyche den Träumer als Holzhaus im Wald, so sind die seelischen Prioritäten aktuell eher im "Natürlichen, Lebendigen, Körperlichen ..." angesiedelt. Zeigt dagegen die Psyche den Träumer als Hochhaus aus Glas, Kunststoff und Beton, so sind die seelischen Kräfte des "Leistungsorientierten, Geistigen, Abstrakten ..." stärker.)

  In dem hier vorgestellten Traum ist es ein Haus mit vielen Ebenen und Räumen. Übersetzt: Der Träumer hat viele Persönlichkeitsanteile (auf verschiedenen Ebenen). Die Bedeutungen von oben und untenTraumdeutung Stichwort lassen sich schlüssig herleiten. Die verschiedenen Ebenen zeigen demnach, dass der Träumer Persönlichkeitsanteile sowohl im "Natürlichen" (M-BereichTraumdeutung Stichwort) als auch im "Geistig-rationalen" (P-BereichTraumdeutung Stichwort) zur Verfügung hat.

  Die beiden seelischen Bereiche (M-Bereich und P-Bereich) widersprechen sich meist, und schliessen einander gegenseitig aus. Eine "seelische Ausstattung" die beiden Bereichen gerecht wird, ist demnach ein lockendes Ziel. Genau daran arbeitet die Psyche des Träumers: Treppen verbinden "oben" und "unten"Traumdeutung Stichwort. Die Treppen sollen die "Oberen Anteile" mit den "Unteren Anteilen" verbinden.

  Was sagt der Traum nun über den aktuellen seelischen Standpunkt aus? Ist der Träumer eher im "Natürlichen" oder im "Geistig-rationalen" zuhause? Schauen wir uns dazu an, wie das Haus gezeigt wird:
Die Räume hatten "nichts behagliches", wirkten "edel aber kalt". Das sind typische Attribute des P-Bereiches. (Räume die Natürlichkeit zeigen, sind warm, organisch, bunt, chaotisch, bewachsen.) Es ist ja gerade das Ziel der gesellschaftlichen Werte, die störende Natürlichkeit zu unterdrücken - zu Gunsten eines "moralischen Lebenswandels" und einer erhöhten Leistungsbereitschaft. Edel gehört auch zu den P-Symbolen, denn der geistigen Ebene wohnt die Ästhetik inne, die Struktur, das Saubere und das Sterile.
Wir können deshalb mit einiger Sicherheit behaupten: Der Träumer befindet sich derzeit in einer Phase, in der geistig-rationellen Werte und Fähigkeiten eine höhere Priorität geniessen, als die Anforderungen seiner Natürlichkeit.

  Dieser aktuelle seelische Standpunkt ist aber nicht sehr ausgeprägt, er wird nicht mit besonderem Nachdruck ausgelebt. Ablesen können wir das an: "... dass die Räume fast leer waren". Will heissen: Die dargestellten Persönlichkeitsanteile sind nicht gut ausgestattet. (Die P-spezifischen Fähigkeiten, Werte, Antriebe ... sind mit wenig Inhalt gefüllt.)

  Fazit bis hierher: Die seelische Heimat zu Beginn des Traumes ist P-orientiert. (Werte, Fähigkeiten, Ressourcen, Strategien u.s.w. der Leistungsgesellschaft bestimmen das seelische Geschehen des Träumers.)

  Aber es wird ein Wechsel eingeleitet, der Träumer ist dabei, sich seelisch zu entwickeln. Das erkennen wir daran, dass die Persönlichkeitsanteile mit Inhalten gefüllt werden (Die Räume haben einen Teppich, damit ist die "Grundlage" gelegt. Um was für Anteile handelt es sich, M oder P?

  Wieder ziehen wir die Inhalte aus dem kollektiven UnbewusstenTraumdeutung Stichwort zu Rate: Diesmal geben die Farben Aufschluss. Im Erfahrungshorizont der Menschen in den Frühkulturen war "grün" die Farbe der Vegetation. Sie sicherte durch die Fruchtbarkeit die Nahrung und somit das Überleben. "Rot" steht für die körperlichen Aspekte, denn Blut ist rot. Der Traum zeigt demnach, dass die Grundlage für M-Potential der Persönlichkeit gelegt ist. (Betrachten Sie auch die TraumtafelTraumdeutung Stichwort, in ihr ist der seelische Stellungswechsel deutlich zu sehen.)

  Dann zeigt der Traum, dass die neue seelische Ausrichtung stabiler wird: Die bisherigen Persönlichkeitsanteile waren P-orientiert (siehe Traumanfang). Das Traum-Ich entfernt sich nun von diesen Anteilen, es geht "auf die andere Seite". Der "seelische Stellungswechsel" wird so dargestellt.

  Damit ist die Psyche ein kleines bisschen reicher geworden, sie hat sich entwickelt. Sie besitzt jetzt M-Anteile, d.h. alles was mit Natürlichkeit, Emotion und Körper zu tun hat, ist besser entwickelt. Weniger Priorität haben die geistig-rationellen Anteile, die patriarchalen Normen der Leitungsgesellschaft.
Aber da gibt es ein Problem:

 
 
Die Seele ist nicht besonders mutig, wenn es um Veränderungen geht. Wir Menschen legen uns im Laufe der Jahre ein Methodeninventar zu, mit dem wir das Leben meistern. Wir haben bewährte Strategien uns zu schützen, haben etablierte Wertvorstellungen, haben passende Ressourcen und so weiter.

  Aber manche dieser seelischen Komponenten sind dysfunktional. Und sobald das reale Leben auf uns zu kommt, kann es sein, dass die altbewährten Strategien nicht mehr passen. Wir müssen uns also seelisch um- und/oder weiterentwicklen. Persönlichkeit ist kein Zustand, Persönlichkeit ist ein Prozeß.

  Doch Veränderung ist mit Risiko verbunden, denn wir legen unsere seelischen Schutzschilde ab. Wir riskieren, verletzt zu werden. Wir versuchen Neues, riskieren dabei zu scheitern. Wir investieren Zeit und Energie, mit dem Risiko einen Verlust zu erleiden. Wir legen unsere seelischen Krücken ab, und riskieren umzufallen.
 
 

  Die Psyche ist sich also nicht sicher, ob diese neue M-Ausstattung und Lebensweise sich auch bewährt. Wird das gesellschaftlich geprägte Gewissen (und die reale Umgebung) den Wechsel dulden? Was macht der Chef, wenn die Träumerin weniger leistungsorientiert ist und Überstunden verweigert? Wie reagiert die Familie wenn die bisher brav funktionierende Hausfrau weniger Wert auf Ordnung und Sauberkeit legt? Und wie reagiert die Träumerin dann (seelisch) auf die Ansprüche von Aussen? Vielleicht ware es dann doch besser, wieder zurück in den P-Trott zu fallen?

  Genau das ist der Grund, warum die Psyche eine neue Entwicklung zuerst ausprobiert. Der Traum zeigt dies mit Hilfe des Spiegels: Darin kann die Träumerin nachsehen, "wie ihr die neue Lebensweise steht". "... dass meine Brust nicht richtig bedeckt war" - in der M-Umgebung muss man sich eben um verklemmte patriarchale Moralvorstellungen nicht kümmern. M ist eine natürliche, körperliche Lebenseinstellung, da dürfen körperliche Attribute und Reize gezeigt werden.

  Aber das gesellschaftlich-moralisch geprägte Gewissen gibt nicht auf: "Es war mir ein wenig unangenehm". Klar, war es das, in einer körperfeindlichen P-Gesellschaft "tut man so etwas nicht."

  Leider wurde in dem Bericht nicht erwähnt, was der Träumer/die Träumerin unter "schönes" Oberteil versteht. Daran hätte man ablesen können, ob das neue "seelische Outfit" der M- oder der P- Wertigkeit zugeordnet werden kann. Bedeutet "schön" zum Beispiel "weich, kuschelig, Erdfarben, Naturmaterialien ...", dann wäre es der M-Welt zuzuordnen. Bedeutet "schön" zum Beispiel "Kunstfasern, klassisch, elegant, korrekt, Bügelfalten ..." dann würde es der P-Welt zugeordnet.

  Ich vermute, dass es im zweiten Sinne zu verstehen ist, denn es gibt einen Hinweis darauf: "... es war zu kurz und zu eng und zu steif". Das klingt nicht nach natürlicher Entfaltung, das klingt nach "patriarchalem, moralischen Korsett". Die Psyche hat also am Ende des Traumes den neuen seelischen Zustand gefestigt - die bequeme M-Kleidung zeigt die neue Identität.

 
 
Es ist doch erstaunlich, was man aus wenigen Traumzeilen alles herauslesen kann. Wollen auch Sie diese Kunst beherrschen? Dann hier:  das Buch bestellen.
 
 




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